Posterous theme by Cory Watilo

Verstörende Abwesenheit

Es gibt Fotos, die kennt einfach jeder, der die Zeitgeschichte mit halbwegs offenen Augen verfolgt. Sei es, weil sie etwas abbilden, was eh vor den Augen der Weltgemeinschaft geschah (man denke an die einstürzenden Türme des World Trade Centers) oder weil sie in Dokumentationen im Film- und Druckbereich regelmäßig auftauchen (hier beispielsweise die Bilder des Kennedy-Attentats). So oft gesehen, dass man sie vermutlich schon als visuelles Mem bezeichnen kann.

Umso verstörender ist es, wenn diese Bilder bearbeitet werden: Der Fotograf Michael Schirner retuschierte für seine Ausstellung 'Bye Bye' aus einigen dieser 'Weltfotos' entscheidende Teile hinaus. Und so entsteht zumindest bei mir ein merkwürdiges Gefühl: So zeigt die Fahne auf Iwo Jima ohne die sie aufrichtenden Soldaten in meinen Augen die Brutalität des Krieges stärker als das Original und wird der einsame Mann, der sich auf dem Tienanmen-Platz den anrollenden Panzern stellt, noch kleiner, aber umso mächtiger. Jedes retuschierte Bild wirkt anders: Man glaubt, an Stelle des ausradierten Adolf Eichmann den Ungeist des Nationalsozialismus und seines industrialisierten Menschenmordes in der Zelle zu sehen und wundert sich über die merkwürdige Vertrautheit einer gewöhnlichen Wand, wenn das dort sonst vorhandene Folteropfer auf einmal fehlt.

Eine kleine Auswahl der Bilder kann auf Spiegel Online betrachtet werden. Die Ausstellung läuft noch bis zum 25. April im Haus der Fotografie in den Deichtorhallen Hamburg; bis zum 29. Mai in der Galerie Ascan Krone, Berlin.