The signs they are a-changin'
So eine U-Bahn ist schon eine feine Sache: Man lässt sein Auto stehn' und braucht trotzdem nicht zu gehn'. Wem diese Zeile bekannt vorkommt: Sie entstammt der deutschen Übersetzung dieses Sesamstraßen-Klassikers. Dieses Lied sorgte schon in frühen Kindertagen für eine Assoziation von U-Bahn und Musik: Zwar entschwand dieses Lied aus meinem Bewusstsein auf Grund einer chronischen Abwesenheit von U-Bahnen am nördlichen Rand des Sauerlandes, jedoch bei der ersten Benutzung dieses vortrefflichen Verkehrsmittels hier in Fürth war es wieder präsent und ich summte es immer mal wieder vor mich hin während ich mich gen Arbeit oder Feierabend kreuz und quer durch das Liniennetz kutschieren ließ.
Es dauerte nicht lange und eine neue musikalische Assoziation ergab sich: Zu Stoßzeiten steht man öfter mal ein paar Stationen lang und lässt die Augen schweifen. Und immer wieder blieben sie an diesem kleinen Aufkleber rechts der Tür hängen: Die Verhaltensempfehlungen für den Fall, dass mal irgendwas im Zug nicht so läuft wie es laufen soll. Wenn mal im Wagen das Licht ausfällt, ein Notfall auftritt oder der Zug zwischen zwei Stationen stehenbleibt: Kein Problem, für jeden dieser Fälle gibt es Hinweise in Form eines Frage-Antwort-Dialoges. Als Tribut an die internationalen Touristen und Messebesucher sind diese zweisprachig gehalten: Auf deutsch und auf englisch. Und an diesem englischen Text blieb ich hängen.
Eingeleitet werden die Fragen durch ein einmaliges 'What should i do, if...', fortgesetzt durch die 3 oben genannten Punkte. So weit, so unspannend. Doch eines Tages las ich mir wieder den 1. Punkt durch: 'What should i do, if the lights in the carriage go out? Please wait calmly until the problem is solved. There is no danger.' Und auf einmal fiel mir Woodstock ein: Joe Cocker singt in einem vermutlich bewusstseinserweiterten Zustand 'With a little help from my friends'. Und vor meinem musikalischen Ohr ersetzte ich den Originaltext durch oben genannten Verhaltenshinweis: Zwar sind ein paar musikalische Stauchungen notwendig, aber seit diesem Tag vor vielleicht 7 Jahren erfreute ich mich bei fast jeder U-Bahnfahrt an dieser privaten In-head-Performance des britischen Blues-Sängers.
Bis heute.
Ich fuhr mit der U1 von Fürth in Richtung Plärrer und der Blick fiel wie hunderte male zuvor auf diesen kleinen Aufkleber. Was störte mich? Er war auf der richtigen Höhe angebracht und nach wie vor zweisprachig. Er sah neu aus. OK, dachte ich mir, wechseln sie die ab und an mal aus, was der Sicherheit im Zug nur zuträglich sein kann. Dann erkannte ich es. Der Einleitungssatz. Kein suggestives, sich in des Lesers Gedanken versetzendes 'What should i do if...' mehr. Ein schnödes, hartes, unpersönliches 'What to do, if...' nahm seinen Platz ein. Vielleicht ist es dem Zeitgeist geschuldet und lässt sich besser in einen Hip-Hop-Song inkorporieren. Aber für mich wird es nie mehr so sein wie es war. Vielleicht sollte ich, so lange noch nicht alle Züge auf das neue Bapperl umgestellt sind, ein Foto schießen, welches ich dann im Portemonnaie mit mir herumtrage und zwischen Muggenhof und Bärenschanze feuchtaugig betrachte. Und vielleicht fragt mich dann einer der sicherheitsbewussten Jung-Rapper, ob er mein seliges Blues-Gesumme in seinen neuen Dont-touch-da-yellow-power-rail-Mix samplen darf.
Joe Cocker: Ich werde ewig mein Tages-Ticket Plus mit dir teilen!