Posterous theme by Cory Watilo

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Sonntägliche Bescherung

Ein fauler Sonntag-Spätvormittag trudelte so vor sich hin und ich fing gerade an zu überlegen, wie ich denn den Nachmittag verbringen sollte. Auf einmal klingelt es. Mein erster Gedanke war, dass ein paar Freunde sich schon aufs Radl geschwungen und den Weg von Nürnberg nach Fürth bereits zurückgelegt haben, um mich aufzupicken und gemeinsam einen hübschen Biergarten in der mittleren Umgebung anzusteuern.

Es war in der Tat ein Radler, aber niemand den ich persönlich kannte. Am Türöffner-Telefon meldete sich ein Herr Hess, der mir ein Buch schenken möchte. Ich muss wohl schon akustisch sehr dumm ausgeschaut haben, denn sofort erläuterte er mir den Grund: Wir hatten vor mehr als zwei Jahren Kontakt gehabt, da er für ein im Selbstverlag erscheinendes Buch über die Schwabacher Stadtkirche ein Foto der Nürnberger Frauenkirche nutzen möchte, welches er in der Wikipedia gefunden hat.

Nun unterliegen die Fotos in der Wikipedia (oder genauer: In den Wikimedia Commons) freien Lizenzen und können von jedermann für alles mögliche genutzt werden, so lange die Lizenzbedingungen eingehalten werden, aber es ist natürlich trotzdem nett, wenn man noch einmal gefragt wird, da ein unmittelbares Feedback noch erfreulicher ist als nur ein schnöder Urheber- und Lizenzhinweis. Ebensowenig ist ein Belegexemplar vonnöten, aber schön ist es dennoch.

Nun war ich vorhin an der Tür etwas verdattert überrascht, aber dennoch möchte ich mich bei Herrn Hess für diese Überraschung bedanken und dieses Buch dem geneigten Heimat- und Architektur-Interessierten zur Lektüre anempfehlen. Ich werde es auf jeden Fall gleich in meinen Rucksack packen und im dann angeradelten Biergarten genüsslich lesen. Danach wird es einen besonderen Platz in meinem Bücherregal bekommen.

Erleuchtung aus der Ferne

Zu Tucholskys Zeiten war noch alles in Ordnung, was das ordnungsgemäße Er- und Heimleuchten in deutschen Ballungsräumen angeht. Zwar bürokratisch, aber menschlich:

... Der Trupp der Laternenanzünder setzt sich gewöhnlich aus drei Männern zusammen: dem Chef-Laternenanzünder, seinem Adjutanten und dem Hilfs-Laternenanzünder.

Der Chef-Laternenanzünder hat die Leitung der Abteilung. Er trägt die Verantwortung sowie eine lange Stange und bestimmt, welche Laternen zu entzünden sind. Nachdem er mit dem Lichtmesser in der Hand die Lichtstärke der betreffenden Straße ›ausgeleuchtet‹ hat, wie der Fachausdruck heißt, setzt er seine Mannschaft an. Das geschieht folgendermaßen: Hält der Chef die Zeit für angemessen, so nähert sich der Trupp der Laterne, der Chef gibt erst den sogenannten ›Vorbefehl‹: »Achtung!«, der Adjutant nimmt die lange Stange in die Hand und wartet. Der Chef befiehlt: »Anleuchten!« und der Adjutant reißt oben an der Laterne den Hebel mit sachkundigem Griff herum. Während dieser Zeit hat der Hilfs-Laternenanzünder ständig seine Geräte in Bereitschaft zu halten, denn dem Hilfs-Laternenanzünder untersteht der technische Dienst; er ist es, der die Geräte beaufsichtigt: Hammer, Zange, Bohrer, Kabel, Ersatzkohlen – alles das hat er unter sich. ...

Ein Chef und ein paar Mitarbeiter bilden ein Team, welches kontrolliert, aber offensiv der Dunkelheit in der Stadt den Garaus macht. Ja, vielleicht sind diese Laternenanzünder das große Vorbild für den Teamgeist, mit dem die junge deutsche Mannschaft, angeleitet vom Chef-Laternenanzünder Löw, bei der Fußball-Weltmeisterschaft spektakulär von Sieg zu Sieg eilt. Jedoch droht Unheil am östlichen Horizont, denn in Nürnberg wird augenscheinlich kein Wert mehr auf diese alte Kunst gelegt. Vielmehr wird, laut Nürnberger Nachrichten, dort diese ehrenvolle, Generationen inspirierende Tätigkeit mittlerweile nicht nur vom Computer durchgeführt: Die Entscheidung, dass es hier dunkel genug für das Anschalten der Straßenbeleuchtung ist, wird, auf Basis einiger lokaler Messwerte, im nicht nur nicht-fränkischen, sondern gar nicht-bayrischen Frankfurt getroffen und dann via Telefon in die einzelnen Laternen gefunkt. Technisch höchst interessant, aber es fehlt der menschliche Faktor dabei.

Hoffen wir also, dass auch in Zukunft Schweinsteigers Erben selbst entscheiden dürfen, ob sie lieber rechts oder links an der himmelblau-weißen Dribbelstange vorbeigehen.