Posterous theme by Cory Watilo

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Visuelles, nicht notwendigerweise mit Augen

Der heutige Tag präsentierte in den von mir gelesenen und abbonierten Foto-Blogs und Newslettern eine selten erlebte Fülle an interessantem. 3 Artikel stachen besonders hervor:

  • diyphotography.net präsentiert in seiner Reihe foto-affiner Bastelanleitungen etwas besonders rasantes: Ein recht simples Autostativ aus Komponenten, die sich in Fotografens Bastelkiste oder aber im Baumarkt finden. Da es mir jedoch am Auto mangelt, ein Radl nicht genügend Saugnapfangriffsfläche bietet und der gute Tobi schon sein Bestehen auf zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen andeutete, wird die Realisierung wohl noch auf sich warten lassen.
  • sevenbyfive.net präsentiert in seinen 'photo profiles' den Fotografen Joel Yum aus Toronto, der eine sehr charmante Art des Fotointerviews entwickelt hat.
  • Das Besondere des Tages stammt, etwas überraschend, vom sonst für seine etwas schrägen, aber umso kreativeren Präsentationsideen einschlägig bekannten photojojo.com: Ein Videoportrait des Fotografen Pete Eckert. Seine Bilder sprechen für sich. Umso überraschter ist man jedoch, wenn man erfährt, dass ihm etwas, für die Fotografie allenthalben als notwendig erachtetes fehlt: Die Sehkraft.

 

Verstörende Abwesenheit

Es gibt Fotos, die kennt einfach jeder, der die Zeitgeschichte mit halbwegs offenen Augen verfolgt. Sei es, weil sie etwas abbilden, was eh vor den Augen der Weltgemeinschaft geschah (man denke an die einstürzenden Türme des World Trade Centers) oder weil sie in Dokumentationen im Film- und Druckbereich regelmäßig auftauchen (hier beispielsweise die Bilder des Kennedy-Attentats). So oft gesehen, dass man sie vermutlich schon als visuelles Mem bezeichnen kann.

Umso verstörender ist es, wenn diese Bilder bearbeitet werden: Der Fotograf Michael Schirner retuschierte für seine Ausstellung 'Bye Bye' aus einigen dieser 'Weltfotos' entscheidende Teile hinaus. Und so entsteht zumindest bei mir ein merkwürdiges Gefühl: So zeigt die Fahne auf Iwo Jima ohne die sie aufrichtenden Soldaten in meinen Augen die Brutalität des Krieges stärker als das Original und wird der einsame Mann, der sich auf dem Tienanmen-Platz den anrollenden Panzern stellt, noch kleiner, aber umso mächtiger. Jedes retuschierte Bild wirkt anders: Man glaubt, an Stelle des ausradierten Adolf Eichmann den Ungeist des Nationalsozialismus und seines industrialisierten Menschenmordes in der Zelle zu sehen und wundert sich über die merkwürdige Vertrautheit einer gewöhnlichen Wand, wenn das dort sonst vorhandene Folteropfer auf einmal fehlt.

Eine kleine Auswahl der Bilder kann auf Spiegel Online betrachtet werden. Die Ausstellung läuft noch bis zum 25. April im Haus der Fotografie in den Deichtorhallen Hamburg; bis zum 29. Mai in der Galerie Ascan Krone, Berlin.

Is it real?

Ein Hinweis auf eine erstaunliche Künstlerin flatterte mir im heutigen Photojojo-Newsletter ins elektronische Postkasterl: Alexa Meade nutzt klassische Acrylfarben für ihre Werke, bemalt damit aber keine Leinwand, sondern Menschen. Diese wiederum inszeniert sie wiederum so als seien sie Teil eines Gemäldes. Ein geradezu herausforderndes Spiel mit den Dimensionen. Viel Spaß beim erforschen ihrer Bilder.

Die Gitarre war nüchtern

Ich halte mich ja für einen volatilen Fotografen: Mal knips ich den ganzen Tag nur echten Murks zusammen, mal gelingt mir fast alles... Naja, zumindest so gut, dass ich selbst damit zufrieden bin und die Bilder sogar von anderer Seite für gut befunden werden (die Grauzone dazwischen ist gewaltig). Was ich aber bisher überhaupt nicht konnte war Menschen zu fotografieren. Irgendwie hatte ich mich lange Zeit damit abgefunden, so wie ich auch trotz zahlloser Versuche (ich bin überzeugt: genetisch bedingt) schlichtweg nicht Schlittschuh laufen kann.

Aber ebenso wie das Schlittschuh laufen muss ich es denn dann doch immer mal wieder probieren: Ein Opfer musste her, am besten eines, das sich während des Knipsens nicht wehren konnte und die fotogenen Posen von selbst annimmt. Es kam sehr gelegen, dass der resident Quiz-Host das Publikum mal nicht mit Fragen über die Nachbarländer mittelasiatischer Zwergstaaten und Flensburger Stadtteile quälen, sondern durch seine Interpretation der Musik von Tom Waits erfreuen wollte... Immerhin wollte ich 'auch schon immer mal' Konzertfotografie ausprobieren. Kurz eine Mail geschickt, ob das für ihn in Ordnung ist, Zustimmung bekommen: Prima.

Zum Konzert an sich bleibt nur soviel zu sagen: Toll! Ohne großen Aufwand stand der Künstler (ja, auch wenn er nur coverte: Er gab den Liedern seinen individuellen Stil, ohne sie zu verraten, im Gegenteil...) nur mit seiner Gitarre auf der Bühne. Der kleine Raum in der Kofferfabrik war gefüllt mit seiner Präsenz und Stimme, das Publikum hing an seinem Gesang und seinem Spiel und war, so zumindest mein subjektiver Eindruck, sehr angetan von dem, was es dort hörte.


Kevin Dardis sings the music of Tom Waits


Und was mein fotografisches Ziel anging: Sowohl Kevin als auch sogar ich waren zufrieden bis begeistert. Ich kanns also anscheinend doch. Und im Winter probier ichs wieder mit dem Schlittschuh laufen...


Kevin Dardis sings the music of Tom Waits
Kevin Dardis sings the music of Tom Waits