Meine Sicht auf die Straßensicht
Wer mit einigermaßen offenen Augen und Ohren durch diese Republik geht, hat in den letzten Wochen natürlich auch vom Start des Google-Dienstes 'Streetview' gehört: Über die bekannten Luftbilder hinaus bietet Google (in einigen Ländern schon länger, in Deutschland bald) Panoramaansichten von Straßen in deutschen Städten (zunächst den 20 größten) an. Dazu fuhren in den letzten Monaten/Jahren Kleinwagen mit putzigen Stativkonstruktionen durch die Straßen, lichteten diese alle paar Meter ab und fügte sie mitsamt der gleichzeitig gesammelten Geokoordinaten zu diesem 2,5-dimensionalen Straßenatlas zusammen.
Nun wurde bekannt, dass dieser Atlas demnächst online gehen wird, die Besitzer/Bewohner jedoch das Recht haben ihre Häuser verpixeln zu lassen: Das Sommerthema war geboren. Zunächst einmal ist es erstaunlich (aber irgendwie auch wieder nicht), dass die Diskussion jetzt so eine Größenordnung bekommen hat: Dass Google diese Bildersammlung erstellt, ist seit langem bekannt, ebenso dass sie diese auch irgendwann veröffentlichen wollen. Nun gut, jetzt reden die Leute darüber, also auch ich.
Technisch ist die Idee reizvoll: Ich kann mir anschauen, wie es um den Buckingham-Palast, im Central Park und auf der Straße des 17. Juni ausschaut. Vielleicht auch, ob das pauschal gebuchte Urlaubshotel auch tatsächlich den Meerblick bieten kann, der mir eine Preiserhöhung von 20% bescherte. Rechtlich ist das Thema auch klar: In Deutschland gilt die Panoramafreiheit, d.h. dass ich knipsen und veröffentlichen darf, was ich vom öffentlichen Raum aus sehe, ohne auf eine Leiter zu klettern.
Nun gibt es Leute, die sich dabei unwohl fühlen, manche auf Grund falscher Vorstellungen von Street-View, viele jedoch, weil sie um Ihre Privatsphäre fürchten. Nun ist so eine indifferente Furcht schwer messbar, jedoch existiert sie zweifelsohne.
Man kann dieser begegnen wie der Berliner Fotograf Jens Best: Man redet etwas verquastes Zeug über 'Verschollene Häuser' in der 'Digitalen Öffentlichkeit', ignoriert den Verpixelungswunsch (und die damit verbundenen Sorgen der Menschen) und kündigt an, alle auf die Art unkenntlich gemachten Objekte selbst zu fotografieren und damit die Lücken in StreetView zu füllen. Nur sollte man sich dann nicht wundern, dass man damit niemanden von seiner Sache überzeugt: Es gibt viele Menschen in Deutschland, die schlichtweg nach wie vor in der analogen Welt, sprich: Der Realität, leben und sich dort pudelwohl fühlen. Die nicht wollen, dass diese, ihre Welt vereinnahmt wird von der digitalen, angeführt von so genannten 'Netzaktivisten', die meinem Empfinden nach häufig einfach als selbstverständlich ansehen was technisch möglich ist, aber keine Konzepte gegen die missbräuchliche Nutzung eben dieser Selbstverständlichkeiten haben.
Man kann der Furcht aber auch konstruktiv begegnen: Vor einiger Zeit war das so genannte 'Zugangserschwernisgesetz' das Thema der deutschen Netzgemeinde: Die damals noch schwarz-rote Koalition in der Person Ursula von der Leyens wollte das BKA ermächtigen, Listen von Webseiten zu führen, auf denen Kinderpornographie dargeboten wird, und die Provider dazu zwingen, den Zugang zu diesen Webseiten zu blockieren. Nun hatte dieses Vorhaben mindestens zwei große Denkfehler: Die Sperre zu umgehen wäre selbst für einen gewitzten 15jährigen, der in der Schule und im Internet einigermaßen gut aufgepasst hat, kein großartiges Problem und das eigentliche Ziel, nämlich die Vertriebskanäle für Kinderpornographie zu blockieren, wäre weit verfehlt worden, da die Produzenten und Vertreiber dieses Materials in den seltensten Fällen das WWW für den Vertrieb nutzen. Es war mir zu dem Zeitpunkt möglich, mehrere ältere Menschen, die mit dem Internet nichts oder kaum etwas am Hut haben, über diese Fehler aufzuklären und sie damit zu überzeugen, dass das Gesetz sinnlos ist. Und dies durch Gespräche und Aufklärung, nicht durch Reduktion auf polemische Schlagworte 'Zensursula' und virtuelles sichlustigmachen über die analoge Gesellschaft, die die Intention gut fanden, jedoch über den Hintergrund weder von den Gesetzesbefürwortern noch -kritikern aufgeklärt wurden.
Kurz und gut: Durch Guerilla-Aktionen, durch hämisches herabschauen auf die 'analoge Welt' wird kein Mensch überzeugt. Gebt euch Mühe, sucht das Gespräch: Ihr werdet feststellen, dass analoge Kommunkation nach wie vor die angenehmste, gehaltvollste und befriedigendste ist.
Achja, meine persönliche Ansicht: Warum wird einem gewinnorientiertem Unternehmen hier ein größeres Vertrauen entgegengebracht als dem Staat? Ausformuliert hat dies Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung:
Stellen wir uns vor, der Staat machte so etwas. Stellen wir uns vor, die CIA führe im Einverständnis mit den deutschen Behörden und im Zuge des Anti-Terror- Kampfes mit Kameraautos durch die deutschen Straßen, um "Schläfer" aufzuspüren. ... Es käme zu einem Volksaufstand. Im Internet wäre der Teufel los. Das Verfassungsgericht würde mit Klagen bombardiert. Stellen wir uns weiter vor, es würde bekannt, dass im Zuge der optischen Erfassung (die Behörden bezeichnen das als Panne) im Vorbeifahren Daten aus privaten Wlan-Netzen abgesaugt worden sind. Karlsruhe würde dem Spuk mit einer Eilentscheidung ein Ende machen. ... Das Projekt heißt in Wirklichkeit nicht "Hauserfassung", sondern "Street View". Es wird nicht vom Staat, sondern ... vom Internet-Konzern Google verantwortet. Es handelt sich um eine Totalerfassung des öffentlichen Raums zu einem bestimmten Zeitpunkt.... Das Problem der Aufnahmen ist ihr Umfang, ihre Bündelung, globale Verbreitung und Unauslöschlichkeit. Google macht seine Straßenschau nicht für die innere Sicherheit, sondern für kommerzielle Zwecke. Macht das die Datensammelei besser?
Besser kann ich es nicht formulieren.


